Markus Engel · 1. Oktober 2023

Das Immunsystem ist weit mehr als eine Abwehrzentrale: In der traditionellen Naturheilkunde gilt es als Werkzeug der Organisationskraft — als Garant für Individualität und Integrität. Heilpraktiker Markus Engel zeigt, wie spagyrische Antimonmittel und die Ceres-Urtinkturen von Sonnenhut und Mariendistel die bewusste und unbewusste Abwehrfähigkeit stärken.
Innerhalb einer zeitaktuellen Psychosomatik geht man heute von zahlreichen Wechselwirkungen zwischen seelischem Erleben (Affekte, Verhalten) einerseits und der Aktivität des Immunsystems andererseits aus. Eine der zentralen Eigenschaften des Immunsystems ist, dass es zwischen „Selbst" und „Nicht-Selbst" unterscheiden kann. Das Immunsystem steht nicht nur als autonomes System, das mit Abwehraufgaben im Organismus betraut ist, da, sondern ist auf einer tiefen Ebene verwoben mit den Vorgängen des Nervensystems und dem endokrinen System. Über das Immunsystem ist die Psyche an der Genese und dem Verlauf der meisten Krankheitsbilder direkt oder indirekt beteiligt. Psychische Faktoren können die Abwehrlage mit ihren Äußerungen sowohl in einer Verstärkung wie auch in einer Schwächung beeinflussen.
Ein zentraler Grundsatz der antiken griechischen Naturphilosophie lautet: „Die Natur tut nichts ohne Grund." Diese Betrachtungsweise bezieht sich auf die Ziel- und Zweckorientierung der Naturvorgänge (Teleologie, Entelechie). Mit Bezug zu den Lebensvorgängen im Menschen geht es um die Begriffe der Organisationskraft und die der planenden Instanz, die im immateriellen Seelenkörper (Anima) verborgen liegen. Die organisierende Kraft setzt letztlich die Planungen der Anima in adäquate, dem körperlichen und dem höheren Leben dienliche Körperfunktionen um.
Die Organisationskraft vereinigt die Organfunktionen und die in ihnen tätigen Lebensvorgänge zu einer sinnvoll organisierten Ganzheit (Körper, Seele und Geist).
Organe und Funktionsbereiche der Organisationskraft sind unter anderem:
Innerhalb der Denkgebäude eines Thomas von Aquin, der Monadenlehre von Leibniz, im Vitalismus (Lebenskraft) sowie bei J. W. von Goethe begegnen wir der Entelechie als begrifflicher Idee – sein Ziel in sich selbst zu haben, im Sinne einer dem Organismus innewohnenden Kraft, die zur Selbstverwirklichung führt (Entwicklung).
Die Lebenskraft (Vis vitalis) ist ein zentraler Teil der Organisationskraft und somit immer auch ein Teil der Seelenkräfte. Die Organisationskraft erhält die Individualität und Identität des Menschen in seiner Bezüglichkeit gegenüber der Lebensumwelt (Grenze und Grenzbildung). Somit ist für die traditionelle Naturheilkunde auch das Immunsystem ein Werkzeug der Organisationskraft als ein Organ beziehungsweise Werkzeug der tätigen Lebenskraft.
Das tätige Immunsystem verleiht die Integrität und verhindert fortwährend, dass der Organismus in der Weltauseinandersetzung von dieser überwältigt, zersetzt und aufgelöst wird. Somit wird das Immunsystem des Menschen zu einem Garanten, ein eigenes Leben haben zu können, und ist letztlich Grundlage für die eigene Individualität.
Da wir die Organisationskraft auch als eine Seelenkraft beschrieben haben [1], können wir von einer innigen Verbindung zwischen dem Seelenleben und den Immunvorgängen ausgehen (Immunkompetenz). Die Affekte und Regungen der Seelentätigkeiten wirken tief in die Immunfunktionen hinein und immer auch in die andere Richtung. Eine verstärkte oder verminderte Wirkung und Aktivität der immunologischen Vorgänge schlagen sich immer auch in den Seelenkräften nieder (siehe auch die junge Forschungsrichtung der Psychoneuroimmunologie).
„Eine verstärkte oder verminderte Wirkung und Aktivität der immunologischen Vorgänge schlagen sich immer auch in den Seelenkräften nieder."
Somit können sich eine lange bestehende gedrückte Stimmungslage, fortdauernde Kränkungen und Konflikte in einer gesteigerten Infektanfälligkeit äußern und darüber hinaus zu weiteren Anfälligkeiten des Immunsystems führen.
Ebenso kann sich eine Überbeanspruchung des Immunsystems als Rückwirkung auf das Nervensystem legen (Abb. 1) und so mit einer veränderten Reizlage, einer Hemmung der Gedanken und Glieder (depressive Verstimmung) und einem Mangel an Lust- und Lebensfreude im Zusammenhang stehen sowie letztlich auch ihre Ursachen im Immunsystem haben.
Störungen der Wehrhaftigkeit in den hochvernetzten Regelkreisen der Abgrenzungstätigkeiten sind somit immer auch Störungen in der Immunpotenz. In den Leidensgeschichten der Menschen mit ihren Krankheitsverläufen lassen sich immer wieder deutliche Hinweise auf diese Zusammenhänge finden. Eine Krankheit bricht dann aus, wenn die Strategie der abwehrenden Konfliktlösung zusammenbricht.
Innerhalb der Spagyrik nach Alexander von Bernus spielen die Antimonmittel eine zentrale Rolle. Im Rahmen der Soluna-Spagyrik gilt Solunat Nr. 3 (Azinat) als Grundmittel jeder Therapie. In einem Vademecum zu den Solunaten von 1928 schreibt Alexander von Bernus: „Azinat war eines der Hauptmittel des Paracelsus und vor allem des Basilius Valentinus. Es empfiehlt sich, bei den meisten sowohl akuten als auch chronischen Erkrankungen, Azinat neben den einschlägigen Spezialmitteln mitzuverordnen. Azinat ist insbesondere bei allen epidemischen Krankheiten ein Heilmittel ersten Ranges […]. Bei allen chronischen Krankheiten, die auf Säfteverderbnis beruhen, ist Azinat im Wechsel mit Dyscrasin (Solunat Nr. 6) das Hauptmittel."
Neben den sieben traditionellen Planetenmetallen wird auch der Erde selbst ein besonderes Metall zugeordnet. Das Antimon als das „achte" Metall galt zu Zeiten des Paracelsus als ein Universalmittel und wurde dort als Erneuerer des Lebens gesehen. Die in der Natur am häufigsten vorkommende Form ist der Grauspießglanz (Antimonsulfid, Antimonium crudum); in diesem zeigt Antimon seine Wahlverwandtschaft zum Schwefel, der ebenfalls die Aufgabe hat, „Vermittler zwischen dem Geistigen und seiner Gestaltungskraft und dem Physischen" zu sein (Merkur-Prinzip). Damit ist die zuvor beschriebene Organisationskraft gemeint, in welche die Antimonkräfte strukturierend eingreifen.
Solunat Nr. 3 (Azinat) wird bei allen entzündlichen Affektionen insbesondere an den Grenzflächen des Organismus zum Einsatz gebracht. Neben den spagyrischen Antimondestillaten befindet sich noch Natrium nitricum in der Rezeptur („Universalmittel" von Rademacher) gegen Entzündungen, gefolgt von Brechweinstein und Kieselsäure – beide haben einen Wirkungsbezug zu entzündlichen Exsudationen.
In Bezug zur Allergie hat Solunat Nr. 3 eine stabilisierende Wirkung auf die Vorgänge des Immunsystems. Um die übersteigerte Immunantwort bei der allergischen Reaktionsweise auszugleichen, hat sich eine niedrigere Dosierung bewährt (z. B. zweimal täglich 5 bis 8 Tropfen in etwas Wasser einnehmen).
Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, Bist alsobald und fort und fort gediehen. Nach dem Gesetz, wonach du angetreten. So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen. So sagten schon Sibyllen, so Propheten; Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt geprägte Form, die lebend sich entwickelt.
(Johann Wolfgang von Goethe, 1817)
Ein weiteres wichtiges Antimonmittel ist das der Milz zugeordnete Solunat Nr. 18 (Splenetik): Hier kommen wir bei den Schwächen der Lebenskraft an, den chronischen Erkrankungen und letztlich dem zunehmenden Energiemangel, der mit einer allgemein verminderten Heiltendenz einhergehen kann. Begleitet wird dies durch eine zunehmende Verhärtungstendenz als Ausdruck eines Mangels an Impuls (Feuerqualität) und Energie (Feuchtigkeit), die sich letztlich auch in einem Mangel an Immunkraft darstellen kann (Tendenz zu degenerativen Krankheiten). Das dem Saturn zugeordnete Solunat Nr. 18 (Splenetik) mit seinem umfänglichen Milzbezug ist das „auflösende, schmelzende" Mittel: Es löst die körperlichen und seelisch-geistigen Verhärtungen, scheidet den Tartarus (Ablagerungen durch eine Überbetonung der Kälteprozesse) aus und hebt dadurch ganz allgemein die Lebenskraft und somit auch die Immunkraft (Bezug zum Blut- und Lymphsystem).
Eine weitere von mir in der Praxis sehr geschätzte Therapie ist die Anwendung von pflanzlichen, wesenhaften Urtinkturen der Firma Ceres.
Ceres Echinacea purpurea Ø (Sonnenhut-Urtinktur). Wesen der Pflanze: Abschirmung, Eingrenzung, Schutzhaut. Es ist der aufgewölbte Blütenboden mit seinen stacheligen Spreublättern, der der Pflanze ihr charakteristisches Aussehen und ihren Namen gibt (griech. „echinos" = Igel). Die Blütenkrone mit ihren purpurfarbenen Zungenblüten, die sich in der Vollblüte vollständig nach unten richten, verbirgt durch diese passive Geste ihre grünen Hüllblätter (Beschirmung der äußeren Blütenhaut) vor den Blicken Dritter.
Die stachelige Signatur der Blüten zeigt, dass sich die Pflanze schützen kann. Im direkten Kontakt mit der Pflanze zeigt sich, dass die Abwehr der Blütenkrone, wenn sie mit dem Handballen gedrückt wird, einen stimulierenden Reiz hinterlässt, aber keine Stiche verursacht. Es ist das Fehlen einer aggressiven Komponente, die auf den unbewussten Schutz des Immunsystems verweist.
Eine ähnliche Geste finden wir in der Blütenkrone, die sich ganz nach unten wendet und das Bild eines Schirms entstehen lässt (passiver Schutz). Die Wirkung des Sonnenhuts lässt sich wie eine Schutzhaut beschreiben, die den Menschen hilft, eine psychische Immunität (neben der immunstimulierenden Wirkung) gegenüber den vielen kleinen Unvollkommenheiten des Lebens zu entwickeln [2].
Ceres Carduus marianus Ø (Mariendistel-Urtinktur). Wesen der Pflanze: Abgrenzung, Schutz, Individualität. Die Blätter und Blütenhüllblätter sind mit äußerst scharfen Dornen, die alles schmerzhaft durchdringen, ausgestattet. Man nähert sich dieser eindrucksvollen Erscheinung nur mit Vorsicht. Eine besondere Geste entsteht bei der Blüte nach dem Verblühen; die mittleren Röhrenblüten legen sich um und verkleben miteinander, sodass sich ein dichtes Dach bildet, unter dessen Schutz die Früchte der Pflanze heranreifen können. Das Bewahren der unverwechselbaren Individualität durch angemessene Abgrenzung ist Ausdruck dieser starken Pflanzenpersönlichkeit mit ihren charakteristischen Merkmalen.
Bei der Mariendistel geht es um eine aktive, bewusste Abgrenzung, im Gegensatz zum Sonnenhut, der sich nicht über einen bewussten Willensakt (aggressive Geste), sondern über das Immunsystem (unbewusst) gegenüber schädlichen Einflüssen abzugrenzen weiß. Der große Bezug der Mariendistel zum Leberorgan (Lebertätigkeit: Bezug zum Wasserelement; Gallentätigkeit: Bezug zum Feuerelement) verweist auf den Zusammenhang, dass sich eine psychische Abwehrschwäche auf gegensätzliche Art und Weise äußern kann – in der Unfähigkeit zur Abgrenzung und zum Neinsagen oder in einer übersteigerten aggressiven Abgrenzung. Diese Schwäche(n) wirken sich immer auf die Leber- sowie Gallenfunktion aus und bewirken Störungen der Entgiftungs- und Ausscheidungsfunktionen (Stauungen), die wiederum im Zusammenhang mit der Entwicklung von chronischen Krankheiten gesehen werden können.
Durch einen alten Artikel über die sogenannten Molkekuren im 18. und 19. Jahrhundert bin ich auf das Arzneimittel Lactisol von Galactopharm Dr. Sanders aufmerksam geworden. Lactisol ist ein Sauermolkenkonzentrat, das durch Mehrfachfermentierung mit Milchsäurebakterien nach sechsmonatiger Reifung zu einem wirksamen Arzneimittel veredelt wurde. Der zentrale Wirkort sind die Schleimhäute des Verdauungssystems von Mund, Rachen, Magen und Darm und das sich daran anschließende darmassoziierte Immunsystem. Bei vielen Erkrankungen, bei denen eine Milieutherapie angezeigt ist (Magen- und Darmstörungen, Stärkung der Schleimhautsysteme, Entgiftungstherapien, Begleitung bei Krebserkrankungen etc.), hat sich Lactisol zur Anregung und Modulation der körpereigenen Abwehrkraft bewährt.
„Heute wissen wir von der tiefen Vernetzung der psychischen Ebene und der immunologischen Regelkreise des Menschen (Psychoimmunologie)."
Heute wissen wir von der tiefen Vernetzung der psychischen Ebene und der immunologischen Regelkreise des Menschen (Psychoimmunologie). Jede Konfliktverarbeitung auf der Ebene der verschiedenen Zellen unseres Immunsystems erfolgt erst in der Klärung und Auflösung des Selbst (Abgrenzung und wache Begegnung) mit dem, was nicht (mehr) passt, und dem Erkennen der eigenen Bedarfe (Aspekte der Selbst-Authentizität), bevor eine Abwehrstrategie getroffen werden kann. Den Menschen hinter dem Menschen wahrzunehmen und mit dem Patienten eine geeignete Sprache für die Anliegen zu finden (Konfliktlösung), zusammen mit vitalisierenden Arzneien, kann in der heutigen Zeit immer wieder Wege ermöglichen, die Immunität des Menschen und somit seine Integrität für eine nährende Weltbegegnung zu stärken.
Markus Engel arbeitet seit 1998 als Heilpraktiker mit den Schwerpunkten abendländische Heilkunde, Phytotherapie, Spagyrik, Homöopathie (Miasmatik), systemische Beratung und Strukturaufstellungen (SySt). Er ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der FAKOM. Zudem hält er Seminare sowie Vorträge, ist Autor zahlreicher Artikel in Fachzeitschriften und langjähriger Berater und Mitarbeiter naturheilkundlich ausgerichteter Pharmaunternehmen.
Kontakt: info@heilpraktiker-engel.de
[1] Treichler R. Die Entwicklung der Seele im Lebenslauf: Stufen, Störungen und Erkrankungen. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 1981.
[2] Kalbermatten R, Kalbermatten H. Psyche des Menschen und Signatur der Heilpflanzen. Baden und München: AT Verlag, 2020.
[3] Kalbermatten R, Kalbermatten H. Pflanzliche Urtinkturen: Wesen und Anwendung. Baden und München: AT Verlag, 2005.
[4] Casagrande C. Praxis Spagyrik: Nach Alexander von Bernus (2. Aufl.). Stuttgart: Haug Verlag, 2012.
[5] Husemann F, Wolff O. Das Bild des Menschen als Grundlage der Heilkunst, Band II und Band III. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 1986.
[6] Lanninger-Uecker O. Blut als Heilmittel: Grundlagen und Methoden der Eigenbluttherapie. Stuttgart: Sonntag Verlag, 2003.
[7] Mayer A. Traditionelle Europäische Medizin. Augsburg: Foitzick Verlag, 2013.
[8] Hoffmann SO, Hochapfel G. Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin (6. Aufl.). Stuttgart: Schattauer, 1999.
Quelle: CO.med – Magazin für Komplementärmedizin, 29. Jahrgang, Oktober 2023, S. 20–23.
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